Der unsanfte sanfte Riese

Heute war ein toller Dienst.

Wir haben einen neuen Patienten bekomm gestern. Delir bei Demenz. Eigentlich nichts für unsere Geriatrie aber da hält sich ja eh niemand dran. Aber das ist ein anderes Thema.

Der Patient wird vorgestellt als aggressiv und nicht führbar. Wir freuen uns nen Ast ab. Nicht.

Heute morgen gingen wir zu zweit zu ihm zum waschen da wir unsicher waren wie er reagieren wird. Und wir wurden eines besseren belehrt. Er war sehr gut führbar. Er versuchte mitzumachen wo er konnte. Wir beschlossen ihn direkt aus dem Bett zu holen und raus an den Tisch zu führen zum Frühstück. Da wir merkten wie er etwas unruhig wurde, gingen wir bis zum Tisch. Es gefiel ihm. Nach dem Frühstück bekamen wir den Auftrag mit ihm zur Toilette zu gehen, da die Schwester meinte sie hätte eine nasse Hose gefühlt (wollte mit ihr aber nicht gehen) und danach zur Untersuchung. Der mit dem besseren Verhältnis zu ihm solle mit ihm gehen und auch bei ihm bleiben. Nach der anderen Schülerin schlug er sofort. Okay…Neuer Plan. Erstmal etwas Abstand halten. Ich fragte ihn ob er auf Toilette müsse, er verneinte. Die Verständigung klappt nur selten gut da er sich meist nicht mehr richtig artikulieren kann. Die andere Schülerin meinte ich solle mit ihm gehen da er nach mir noch nicht geschlagen hätte. Kein Problem. Ich konnte ihn dann zu einem Ausflug überreden. Da war er sofort Feuer und Flamme. Wir beschlossen dann auch das ich zu Fuß mit ihm zur Untersuchung gehe da ihn das Laufen beruhigt. Man braucht eine starke Hand um ihn zu führen da er was den Weg angeht etwas eigensinnig ist. Er bleibt immer wieder stehen, macht kurze Pausen, möchte scheinbar wissen wo er hingehen muss. Und so schaffen wir es in 20 min von Station zur Sonographie.

Bei der Sonographie angekommen werde ich angekackt warum ich denn mit so einem zu Fuß zur Untersuchung kommen müsse und das sie ja jetzt die ganze Arbeit mit ihm hat. Als ich sagte das ich bleibe weil man ihn nicht alleine lassen kann, war sie etwas beruhigter.

Eine andere Schwester kam und sagte sie müsse noch kurz ins Ohr picken um eine BGA zu machen. Während die Schwester alles vorbereitete erklärte ich ihm ganz genau was die Schwester vor hat und bat ihn mir seine Hände zu geben. Von der Schwester kassierte ich ein leichtes Augenrollen weil ich sie vor warnte das er schlägt wenn man an die Ohren will. Ich hielt seine Hände fest während die Schwester die BGA machte. Er versuchte immer wieder die Schwester zu schlagen. Diese gab mir noch ein Pflaster. Ich erklärte ihm das ich kurz ans Ohr muss und nur ein Pflaster auf die Wunde klebe. Das durfte ich dann tatsächlich auch ohne das er mich versuchte zu schlagen.

Zwischendurch las er mir die Schilder vor die im Flur hingen. Diese konnte er verständlich vorlesen was mich sehr wunderte aber freute.

Als wir reingerufen wurden zur Untersuchung wurde es lustig. Die Schwester, weiterhin nicht begeistert, war viel zu hektisch für meinen sanften Riesen und zog an ihm herum. Auf meine Bitte hin setzte er sich. Mit Handbewegungen und leichtem Druck gegen die Schulter erklärte ich ihm das er sich hinlegen muss. Als ich ihm mit den Beinen helfen wollte, versuchte er tatsächlich zum ersten Mal nach mir zu treten. Dies konnte ich ganz gut abwehren da er sich schnell beruhigt wenn man dieses Schlagen und Treten mit Zureden und leichtem Festhalten unterbindet. Ich erklärte ihm nochmal was ich vorhabe und durfte dann auch mit den Beinen helfen. Die Schwester zog sein Shirt hoch und legte ein Handtuch vor. Er zog es wieder runter. Fand ich okay, der Arzt war sowieso noch nicht da. Er wurde zunehmend unruhig als er dort lag. Also nahm ich seine Hand. Und diese durfte ich auch nicht mehr los lassen. Während der ganzen Wartezeit und der Untersuchung durfte ich seine Hand nicht loslassen. Am liebsten war es ihm scheinbar wenn er spürte das ich seine Hand halte und am liebsten auch noch das ich in irgendeiner Art und Weise sein Bein berühre. Einfach das ich da bin. Alle paar Sekunden hob er den Kopf, würde unruhig. Ein paar Worte und er legte sich wieder zurück, wurde ruhiger, schloss sogar die Augen.

Der Arzt kam und bereitete alles vor. Ich erklärte wieder haarklein was jetzt passiert, das es nur kalt wird aber nicht weh tut. Der Arzt war begeistert von meiner Geduld mit ihm. Als wir fertig waren, wischte ich das Gel von seinem Bauch, half ihm aufzustehen und wir machten uns wieder auf den Weg Richtung Station. Als wir Beim Röntgen vorbei kommen wurde ich wieder angesprochen warum ich denn mit so einem zu Fuß gehen würde…KENNEN WIR DEN PATIENTEN ODER IHR?! Wir brauchten lange bis nach oben aber er war sichtlich ruhiger und entspannter als wir wieder oben waren. Ich durfte auf Station dann auch auf Toilette mit ihm. Sein „Problem“ ist es einfach das er sich scheinbar schämt vor uns die Hose runter zu ziehen. Aber wenn man ihm ruhig erklärt warum, nämlich einfach um auf Toilette gehen zu können, geht’s eigentlich.

Ich habe diesen Menschen einfach sehr ins Herz geschlossen. Scheinbar haben wir einen ganz guten Draht zueinander.

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2 Gedanken zu “Der unsanfte sanfte Riese

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